Texte: Psychologie

 

Wie wir uns selbst virtualisieren

Kürzlich lasen wir von einer Erfahrung mit einem modernen Computerspiel mit Videobrille. Der Autor berichtete, wie er im Spiel vor einer Klippe stand, von der er springen sollte. Dann nahm ihn plötzlich seine Höhenangst so ein, daß er sich nicht mehr bewegen konnte und mit Schwindelgefühl umzufallen drohte, obwohl er genau wußte, daß es „real“ nur um einen winzigen Sprung ging. 

Der Mainzer Philosoph und Neurowissenschaftler Thomas Metzinger erforscht, wie wir mit Virtual Reality unseren Realitätssinn ins Wanken bringen. In Wahrheit handele es sich bei all unseren bewussten Erlebnissen um eine Art „biologische virtuelle Wirklichkeit“. Das wissen wir spätestens seit den Gedanken des Konstruktivismus (mehr dazu). 

Mit Virtual Reality oder Augmented Reality, überschreiben wir aber diese Wirklichkeit. So wie wir künstliche Hüftgelenke einbauen und unsere Augen mit Kontaktlinsen verbessern, ergänzen und ersetzen wir langsam unser vertrautes Realitätsmodell. Bisher konnten wir darauf bauen, daß unser Bewußtsein als „Zentrum“ die ganzen Verbesserungen steuert, jetzt geht es um das Bewußtsein selbst. Ein Schritt weiter in Richtung Cyborg? 

Erfahrene Computerspieler berichten, daß sie nach intensiven VR Sessions eine Weile brauchen, um wieder in der Alltagsrealität anzukommen. Für Metzinger ist noch nicht absehbar, was wir als Menschen aus uns machen, wenn eine erste Generation der „Virtual Natives“ mit diesen neuen Technologien aufwächst. Vielleicht geht es darum, das eigene Bewußtsein in eine spirituelle Richtung weiterzuentwickeln, die uns dann wieder zentrieren kann. Interessant dazu sind die Gedanken von Metzinger zu der Verbindung von Spiritualität und Wissenschaft (siehe PDF).

Metzinger, Spiritualität und Wissenschaft.pdf